An der Ostsee wächst Fleisch im Tank statt im Stall

Ein Rostocker Start-up vermehrt tierische Zellen im Bioreaktor und bereitet die EU-Zulassung vor. Investoren haben bereits Millionen investiert.

Es geht um die Revolution der Fleischproduktion! Das, was da in Rostock geschieht, hat das Potenzial, den Fleischmarkt auf den Kopf zu stellen. Und das, ohne dass dafür Tiere geschlachtet werden müssen. Eine deutsche Supermarktkette ist bereits mit dabei.

Fleischproduktion ohne Tiere töten

Denn in Warnemünde arbeitet das Unternehmen Innocent Meat (zu Deutsch: unschuldiges Fleisch) an der Fleischproduktion der Zukunft und etwas flapsig ausgedrückt am Würstchen 2.0. Die traditionelle Fleischproduktion setzt auf die Aufzucht ganzer Tiere, bei Innocent Meat wird sich hingegen auf die einzelne Zelle konzentriert und diese vermehrt. „Das ist echtes Fleisch mit dem gleichen Nährwertgehalt, ohne dass wir die Tiere dabei töten müssen“, erklärt Patrick Inomoto, Mitbegründer und technischer Leiter (Chief Technology Officer, CTO). Der Produktionsprozess des kultivierten Fleisches beginne bei Innocent Meat in der Petrischale. „Wir isolieren Zellen aus dem lebenden Tier, um diese dann außerhalb des Tieres zu vermehren. Sie werden dann durch weitere Prozesse in das Zielgewebe, also Muskel- und Fettgewebe, überführt. Stammzellen werden dafür genutzt“, stellt er heraus.

Produktionsprozess ähnlich der Bierproduktion

Den Kultivierungsprozess könne man sich ähnlich der Bierproduktion mit Hefe vorstellen. Denn dafür soll das Fleisch einmal in großen Edelstahltanks vermehrt werden. Heute geschieht dieser Prozess schon in kleinem Labormaßstab mit wenigen Millilitern in einem Plastikkolben. Innocent Meat ist dabei Effizienz und Nachhaltigkeit wichtig. Denn ein Tier muss wachsen, gefüttert werden und einen Unterstand haben. Das kostet Zeit, Arbeit und Geld. „Dann hüpft das Tier noch herum und verbrennt dabei Kalorien, die ich gefüttert habe“, so Inomoto. Bei den Zellen laufe das Vermehren kontrollierter ab.  Zudem würden heute Endkunden gar nicht mehr alles vom gesamten Tier kaufen: Blut, Knochen oder Organe stehen oft nicht mehr auf dem Einkaufszettel. Die Fleisch verarbeitende Industrie sei derzeit zudem in einer unangenehmen Lage, beschreibt der CTO den Markt. Rohstoffprodukte aus dem Schlachthof werden immer teurer, die Personalfindung zum Verarbeiten von toten Tieren ist weniger attraktiv, Personalkosten steigen, gleichzeitig verhandeln Supermärkte mit sehr harten Bandagen. Die Margen sinken.

Darum das Würstchen 2.0

„Wir möchten die Industrie dazu befähigen, ihr Rohprodukt selbst zu produzieren, aus dem dann Wurst und weitere Fleischprodukte entstehen können.“ Dabei sollen bestehende Anlagentechnologien verwendet werden, die in Brauwesen, Biotechnologie, Pharmazeutik, Biotechnologie bereits vorhanden sind. „Wir arbeiten auch heute daran, das Würstchen 2.0 zu entwickeln. Dieses bietet sich als erstes Produkt gut an, um die Rohmasse aus kultiviertem Muskel- und Fettgewebe zu vereinigen. Aber auch Burger-Pattys, Chicken-Nuggets sind möglich.“ Die Produktion einer kleinen Menge ist natürlich nicht kosteneffizient, „da sprechen wir dann von vielen Hundert Euro für ein Kilo Fleisch. Doch mit einem Hochlauf der Technik könnte die Herstellung günstiger werden“. Zu den Preisen berichtet Patrick Inomoto weiter: „Unser Versprechen und unsere Idee sind, dass wir Preisparität hinbekommen. Langfristig gehen wir davon aus, dass wir günstiger sein werden, weil der konventionelle Fleischpreis wegen weltweiter Nachfrage steigen wird.“

Exotische Tiersorten wären theoretisch auch möglich

Und auch die Produktion von Fleisch unterschiedlicher Tiersorten sei möglich: In Hamburg arbeite eine Firma mit Fisch. Innocent Meat fing mit Schwein an, da es in Deutschland am häufigsten verarbeitet werde. „Das Spannende am kultivierten Fleisch ist, dass auch sehr exotische Tiere möglich sind.“ Wie zum Beispiel auch Walfleisch. Der Mitbegründer betont aber auch, dass er hierzu im Hinblick auf ethische Gründe eher zurückhaltend sei. Ganz theoretisch wäre vielleicht auch Mammut möglich. Die neuartige Fleischproduktion soll sogar medizinische Vorteile haben. So sei Thunfisch oft mit Quecksilber belastet. In dem geschlossenen Bioreaktor gebe es diesen Stoff nicht. Auch Antibiotika müssten nicht eingesetzt werden. Und auch Biogase, die in der Produktion entstehen, können komplett aufgefangen und genutzt werden. Und wie ist das mit den Sorgen vor Gesundheitsrisiken? „Tatsächlich untersuchen wir unsere Fleischprodukte und Prozesse, damit nichts Schädliches zurückbleibt und wir 100 Prozent Transparenz und Sicherheit gewährleisten können“, sagt der technische Leiter.

Demonstrationsanlage soll errichtet werden

Verkauft werden dürfe das Fleisch bisher nicht. „In Europa haben wir seit einigen Jahrzehnten die Novel-Food-Verordnung, das heißt alle Lebensmittel, die neuartig sind und auf den Markt kommen, müssen durch das Zulassungsverfahren. Voraussichtlich Ende des Jahres wollen wir dieses starten.“ Für die Untersuchungen werde viel vom Produkt benötigt und teuer ist es auch. „Von den Kosten kann man dafür ein bis drei Millionen Euro und eine Dauer von 18 bis 36 Monaten einplanen.“ Am Ende stimmen die EU-Mitgliedstaaten über den Verkauf ab. Zusammen mit Politik, Fördermittelgebern und Investoren plane die Firma auch die erste größere Demonstrationsanlage, um realistisch im Tonnenmaßstab zu produzieren. Kostenpunkt: etwa 25 Millionen Euro.  Diese soll 2028/2029 in Betrieb gehen. In dieser Demonstrationsanlage, einer Art Musterhaus, könnten in drei bis vier Wochen etwa ein bis zwei Tonnen Fleisch kultiviert werden. Das Rohprodukt könne man sich am Ende etwa wie die Rohmasse eines Leberkäses vorstellen und der Fettanteil sei steuerbar, weil einmal Muskelgewebe und einmal Fett produziert werde.

Supermarktkette ist mit dabei

In dieser Woche gibt es erst einmal gut 413.000 Euro, die dabei den Übergang von der Forschung zur industriellen Anwendung fördern sollen. Überreicht wird der Förderbescheid von der parlamentarischen Staatssekretärin im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Gitta Connemann (CDU), in Rostock. Etwa elf Millionen Euro haben zudem Investoren bisher in das Unternehmen gesteckt. Darunter ist auch eine große deutsche Supermarktkette samt eigener Fleischproduktion. Einen Namen dazu will Inomoto aber nicht preisgeben. Neben dem Würstchen 2.0 ist vielleicht auch kultiviertes Mett bald etwas für die Mittagspause. Das sei dann aber auch von der Risikoanalyse und der Verzehrempfehlung abhängig, ob das Fleisch durchgegart oder gar roh konsumiert werden darf.

Und schon einmal das Fleisch probiert?

Und, hat der Mitgründer selbst schon Fleisch aus der Petrischale genascht? Intern sei schon mal probiert worden, verrät Patrick Inomoto. „Es schmeckte aus der Petrischale wie Fleisch. Wir hatten es angebraten. Es war reines Muskelgewebe. Ich stehe offensichtlich noch, bin nicht grün angelaufen oder wurde vergiftet.“ 16 Mitarbeiter arbeiten derzeit bei Innocent Meat, um ein Stück Fleischkuchen von diesem Gigatonnenmarkt abzubekommen.

Link zum Artikel: https://www.nordkurier.de/regional/rostock/revolution-ostsee-rostock-fleisch-stahltank-stall-schlachtung-eu-zulassung-4341986

Quelle: Nordkurier, 12.02.2026, Autor: Maximilian Tabaczynski